Der Film ist eine Fabel, die auf einzigartige Weise zeigt, wie unschuldige Menschen, insbesondere Kinder, in Kriegszeiten unter Vorurteilen, Hass und Gewalt leiden. Durch die Augen eines fantasievollen achtjährigen Jungen, der von der Realität des Krieges weitgehend abgeschirmt wird, sehen wir, wie sich zwischen Bruno, dem Sohn eines Nazikommandanten, und dem jüdischen Jungen Shmuel, dem Gefangenen eines Konzentrationslagers, eine verbotene Freundschaft entwickelt. Auch wenn die Leben der Jungen durch einen Stacheldrahtzaun physisch voneinander getrennt sind, so verflechten sie sich doch auf unausweichliche Weise.
„Selbstverständlich hat ein erzählerisches Werk, das zur Zeit und an den Orten des Holocausts spielt, etwas Kontroverses an sich, und jeder Schriftsteller, der so eine Geschichte anpackt, sollte vorher genau wissen, was er damit bezweckt. Für Kinderbücher gilt das wahrscheinlich besonders”, so John Boyne, Autor des Bestsellers “Der Junge im gestreiften Pyjama”. „Für mich als 34-jährigen Iren gab es nur eine respektvolle Herangehensweise – nämlich Unschuld. Das heißt, ich erzählte eine Fabel aus dem Blickwinkel eines naiven Kindes, das unmöglich den Horror, in den es verstrickt ist, verstehen kann. Jemand aus meiner Generation vermag sich dank dieser Naivität dem Schrecken jener Zeit so weit wie möglich anzunähern.”
„Bruno fragt sich: Was geschieht an diesem Ort?”, so Boyne weiter. „Warum sind so viele Leute auf der anderen Seite des Zauns? Das sind vielleicht einfache Fragen – aber sind es nicht letztlich Fragen, mit denen wir immer konfrontiert sind? Vielleicht besteht die Aufgabe jedes Autors oder Künstlers darin, nach Antworten zu suchen und dafür zu sorgen, dass diese Fragen weiter gestellt werden. Auf diese Weise vergisst niemand, warum man sie überhaupt stellen musste.”
David Heyman, der Produzent der HARRY POTTER-Filme, hatte schon ein Auge auf den Roman “Der Junge im gestreiften Pyjama” geworfen, doch es war Filmemacher Mark Herman, der eine Option auf das Buch erwarb. Als sich die beiden trafen, entdeckten sie, dass die Geschichte ähnliche Gedanken und Empfindungen bei ihnen auslöste, und so entschlossen sie sich zu einer Zusammenarbeit. Sie erkannten die kontroverse Natur des Projekts, aber gleichzeitig waren sie leidenschaftlich davon überzeugt, dass diese Geschichte ein bewegendes und allgemein zugängliches menschliches Drama mit einer zeitlosen Botschaft ist. Wie Boyne waren sie der Auffassung, dass man das Herz der Finsternis der Naziära erkunden muss, um neue Generationen aufzuklären, damit die Geschehnisse von damals nicht in Vergessenheit geraten, geschweige denn sich wiederholen.
„Als ich das Buch las, stellte ich mir sofort einen Film vor”, so Mark Herman. „Aber mir war auch klar, dass sich dieser Film wegen des überaus sensiblen Themas nur sehr schwer realisieren lassen würde.“
„Eine Figur bei Graham Greene sagt, dass Hass das Versagen der Vorstellungskraft ist”, so David Heyman. „Davon bin ich fest überzeugt, und ich denke auch, dass die Ungeheuerlichkeit des Holocausts – das Ausmaß dieser Barbarei, die Zahl der Toten und Flüchtlinge und exponentiell dazu die Menge zerstörter Existenzen – es unmöglich macht, das alles zu erfassen, gerade weil die Zahlen schlicht unvorstellbar sind. Wenn man einem Kind von dieser gar nicht so weit entfernten Zeit berichtet, dann schaffen solche Zahlen enorme Distanz. John Boyne dagegen fand eine außerordentlich gefühlsbetonte und effektive Art und Weise, dieses Thema zu behandeln, indem er seine Geschichte auf zwei Jungen und eine Familie konzentrierte.”
„Ich fühle mich zu Geschichten über die Menschlichkeit hingezogen, und genau das ist DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA”, so Heyman weiter. Einerseits spielt sie während des Holocausts im Deutschland der 1940er, doch für mich ist sie auch zeitlos. Angesichts der Konflikte von heute, ob in Ruanda, Somalia, Palästina, Israel, Darfur, Simbabwe oder dem Irak, scheint sie genauso relevant wie in jeder historischen Epoche. Ihre Botschaft hat mich und tausende von Lesern auf der ganzen Welt berührt: Dass Kinder das Potenzial und die Fähigkeit besitzen, die Unterschiede in Kultur und ethnischer Identität zu überwinden, dass die Menschen tatsächlich imstande sind, miteinander auszukommen, solange man ihren Hass nicht fördert, dass Regierungen, Institutionen und Medien faktisch Konflikte und Misstrauen kultivieren – das sind hochaktuelle Themen von universeller Gültigkeit, und diese Geschichte macht sie für jedermann nachvollziehbar.”
„Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel sagt: ‘Wenn du nicht dabei warst, dann schreib auch nicht darüber.’”, so Autor John Boyne. „Und bis zu einem gewissen Punkt stimme ich dem zu. Gleichzeitig sagt man uns aber auch, dass wir nie vergessen dürfen. Ich glaube also, dass die Künstler im Lauf der Zeit neue Wege finden müssen, um diese Geschichte zu erzählen und an die Opfer von damals zu erinnern. Wenn du dich diesem Thema auf eine nicht-spekulative Weise näherst und nicht versuchst, es zu trivialisieren, sondern die Geschichte auf eine neue Art erzählst, um ein neues Publikum zu erreichen, dann erreichst du dein Ziel. Ich sage den Kindern, die mein Buch gelesen haben: ‘Wenn es euch bewegt hat und euch die Geschichte dieser zwei Jungen interessiert, hier ist eine Liste von Büchern, die ihr auch noch lesen solltet.’ Und sie enthält Werke von Autoren wie Wiesel, Primo Levi und Anne Frank – die selbst den Holocaust erlebt haben und die entsprechende moralische Autorität besitzen. Ich hoffe, dass die Künstler von heute dazu imstande sind: das Interesse von Kindern zu wecken und ihnen die Bücher zu empfehlen, die sie lesen sollten.”
Jedem Mitglied des Produktionsteams von DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA war klar, dass man ein fiktionales Werk verfilmte und keine Dokumentation drehte. Doch da die Geschichte eine historische Basis besitzt, achtete man akribisch darauf, den geschichtlichen Kontext zu respektieren.
„Authentizität war extrem wichtig für uns”, so Mark Herman. „Als wir die Recherchen für unsere Adaption betrieben, erfuhr ich, dass die Lagerkommandanten unter einem Eid auf ihr Leben schwören mussten, ihre Aktivitäten geheim zu halten. Man verbot ihnen, auch nur einem Menschen, nicht einmal ihrer Familie, zu erzählen, worin ihre ‘Arbeit’ bestand. Das war vor allem für das Drehbuch wichtig, denn so ließ sich erklären, warum der Kommandant seiner Frau nichts von dem Vernichtungsprogramm verraten hatte – sie hält es für ein Arbeitslager und entdeckt die Wahrheit nur per Zufall. Das heutige Publikum hat den Vorteil, die Historie zu kennen – vieles ist aus seiner Perspektive offensichtlich. Der moderne Zuschauer glaubt, dass die Frau mit Sicherheit eingeweiht war.
Immerhin lebt sie neben einem Konzentrationslager. Aber nicht jeder hatte damals eine Ahnung von den wahren Vorgängen. Die Gattin des Kommandanten von Auschwitz zum Beispiel lebte sprichwörtlich oberhalb des Lagers, und erst nach zwei Jahren verstand sie, dass das ein Ort der Vernichtung war. Die Faszination unserer Geschichte besteht darin, dass diese Jungen auf beiden Seiten des Zaunes im Grunde nicht wissen, was vor sich geht.”
„Mark hat das Drama der Familie noch intensiver gestaltet und brachte dabei den Erwachsenen-Blickwinkel der Mutter ein, die nach und nach entdeckt, was das für eine Art Lager ist. Dieser Erzählstrang war im Buch viel weniger stark entwickelt”, so Koproduzentin Rosie Alison von Heyday Films, die die historischen Recherchen für den Film koordinierte. „Er ergänzte auch die Szene mit dem Nazipropaganda-Film, auf den wir bei unseren Nachforschungen stießen – einem widerwärtigen 14-Minüter, der vorgab, das Leben in den Lagern zu zeigen: Erholungsaktivitäten, gesellige Abendessen, lächelnde Gesichter. Mark entschloss sich, eine Version dieses Films zu drehen, von der Bruno ein paar Ausschnitte sieht. Prompt glaubt er zu wissen, wie es im Lager zugeht. Und da das alles sehr hübsch aussieht, gewinnt er für kurze Zeit den Glauben an seinen Vater zurück.”
„Das Drama wird nur indirekt gezeigt”, so Alison weiter. „Wir sehen alles von der anderen Seite des Zaunes. Erst in den Schlussszenen bekommen wir die Realität des Lagers zu Gesicht. Das kontroverseste Element in der Geschichte, bei dem wir unsere künstlerische Freiheit am stärksten nutzen mussten, ist Shmuels Anwesenheit im Konzentrationslager. Hier weichen Fakt und Fiktion am meisten voneinander ab. Denn es ist nun mal Tatsache, so unvorstellbar schrecklich das auch klingt, dass die meisten Kinder sofort nach ihrer Ankunft in den Tod geschickt wurden. Im Jahr 1944 allerdings gab es insbesondere in Auschwitz noch überlebende Kinder. Einige davon wurden für medizinische Experimente missbraucht, die anderen mussten spezielle Arbeiten ausführen. Es gibt das belegte Beispiel von zwei Jungen in Treblinka, die die Aufgabe hatten, die Enten im Teich zu füttern. Und so finden sich auch die berühmten Fotos von Kindern bei der Befreiung der Lager. Aber in der Regel wurden Minderjährige sofort von den Transporten in die Gaskammern gebracht.”
„Die Geschichte verläuft in sich wiederholenden Mustern, und aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass derartige Geschichten erzählt werden, gleich in welcher Form und von wem, solange nur ihr emotionaler Gehalt real und wahrhaftig ist”, so Produzent David Heyman. „Dies ist die Geschichte einer normalen Familie und normaler Menschen, die aufgrund ihrer Ignoranz, Naivität oder Autoritätshörigkeit – egal wie erschreckend die Forderungen dieser Autorität auch sein mögen – eindeutig Hannah Arendts “Banalität des Bösen” verkörpern. Ich hoffe, dass die jungen Zuschauer von DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA bewegt werden. So können sie ein tieferes Verständnis für den persönlichen Preis einer solchen Tragödie und für ihre Gemeinsamkeiten mit den Protagonisten – Opfer wie Täter – entwickeln.
Dieser Film wurde mit großer Ehrlichkeit, Leidenschaft und Überzeugung gemacht. Und seine Schöpfer haben großen Respekt und Bewunderung für die Lebenden und die Opfer gleichermaßen. Es ist sehr wichtig, die Geschichte des Holocausts lebendig zu erhalten, damit wir nicht ihre Wiederholung erleben. Und alles, was wir zu diesem Zweck tun, jeder Schritt, der dazu führt, dass eine Person die Welt ein wenig anders sieht, ist es wert, unternommen zu werden.”