Das gesamte kreative Team hinter den Kulissen, von Kameramann Benoit Delhomme über Szenenbildner Martin Childs bis zu Kostümdesignerin Natalie Ward, hatte das erklärte Ziel, eine der dunkelsten Zeiten der menschlichen Geschichte authentisch, respektvoll und detailgetreu zu rekonstruieren.
Niemand sollte unterschätzen, welchen emotionalen Eindruck und Nachhall der Dreh insbesondere bei der ungarischen Crew hinterließ. „Unserem Team war stets voll bewusst, dass Ungarn Deutschland in beiden Weltkriegen unterstützt hatte, und es verstand, dass dies eine ganz spezifische Geschichte aus den 1940ern war”, so Produzent David Heyman. „Die Leute haben obrigkeitsversessene, autoritäre Regimes erlebt, und sie waren von den aktuellen Bezügen zu jener Ära sehr bewegt. Ich spürte stets die Leidenschaft, mit der unsere Crew an ihre Aufgabe heranging.”
Kameramann Benoit Delhomme, der das Buch in einem Zug durchgelesen hatte, machte sich voller Leidenschaft und Engagement daran, die Geschichte zum Leben zu erwecken. „In diesem Film geht es nicht um hübsche Bilder”, so David Heyman, „und Benoit gelang es brilliant, die Momente des Unbehagens umzusetzen – sowohl Peinlichkeit wie Schönheit. Manchmal ist der Bildrand ein wenig verwischt, im Vordergrund sieht man den unscharfen Kopf eines Schauspielers. Es ist also nicht sehr sauber, aber ausdrucksvoll fotografiert – und genau das brauchten wir.”
„Als ich mit der Arbeit an dem Film begann, hatte man sich bereits für Budapest als Drehort entschieden”, so Szenenbildner Martin Childs. „Bei meiner ersten Reise dorthin wollte ich herausfinden, welche Motive zur Verfügung standen. Und der Besuch bestätigte die Entscheidung. Ich wusste, dass wir viel Arbeit investieren mussten, um alles richtig hinzubekommen. Aber die Stadt vermittelte bereits die richtige mitteleuropäische Atmosphäre. Im Drehbuch scheinen sich die Sets selbst zu entwerfen. Die Geschichte hat eine sehr klare Geografie mit kontrastierenden Schauplätzen, so dass sich die Architektur und die wechselseitigen Beziehungen der Räume automatisch für mich ergaben.
Die Eröffnungsszenen zum Beispiel sind eine Montagesequenz, in der Bruno und seine Freunde auf dem Heimweg von der Schule durch die Straßen laufen und, verführt vom ‚Glanz’ des Krieges, so tun, als wären sie Messerschmitts. Ich wollte, dass sie dabei durch verschiedene Gegenden von Berlin kommen – von den wohlhabenden Vierteln bis zu den Stadtteilen, von denen ihre Mütter nicht begeistert gewesen wären. Was wir nicht wollten, war eine Montage von lokalen Wahrzeichen, es ging vielmehr darum, verschiedene soziale Milieus in diese Eröffnungssequenz zu integrieren.”
„Ich wusste schon frühzeitig, dass ich das Zuhause des Lagerkommandanten würde bauen müssen”, so Childs. „Natürlich versuchst du automatisch, ein Motiv zu finden, das sich dafür eignen könnte, aber letztlich haben wir das Gebäude selbst aus dem Boden gestampft – in der Nähe eines Waldes, so wie es die Geschichte erforderte. Für das Konzentrationslager betrieben wir sorgfältige Recherchen, denn es gab zwischen den einzelnen KZs große Unterschiede, wenngleich der Zweck immer derselbe war. Große Mühe gaben wir uns auch beim Design des Zauns, damit hinter Shmuel ein braun-grauer Hintergrund zu sehen war, während sich hinter Bruno der helle, grüne Wald erstreckte. Da die Geschichte aus Brunos Perspektive erzählt wird, verbrachte ich viel Zeit auf seiner Ebene. Das heißt, ich ging quasi in die Knie, wenn ich mir die Sets im Geiste ausmalte.”
„Es musste sich echt und real anfühlen, so dass sich die Zuschauer ganz in diese Welt versetzt fühlen”, so Kostümdesignerin Natalie Ward. „Da brauchst du keinen originellen Touch, denn das Publikum soll ja die Personen wiedererkennen. Es gibt viele Filme über diese Zeit, und obwohl du glaubst, du weißt, wie alles aussieht, willst du es absolut richtig hinbekommen. Sobald du dich dann auf die Details konzentrierst, merkst du, dass du viel weniger wusstest, als du dachtest. Zwangsläufig stellte ich tausende von Fragen und betrieb umfangreiche Recherchen.”
Für die Schlussszenen strebte Martin Childs die größtmögliche Authentizität an: „Beim Vorraum der Gaskammer und der Gaskammer selbst musste ich geradezu wie ein Gerichtsmediziner vorgehen, was nicht unbedingt angenehm war. Es gibt ein berühmtes Foto der Räumlichkeiten in Auschwitz, das auf unheimliche Weise – zumindest auf den ersten Blick – dem Keller eines Studios ähnelte, in dem wir einige Szenen drehten, und wir konnten ihn modifizieren. So waren wir glücklicherweise nicht gezwungen, eine komplette Gaskammer von Grund auf zu bauen.”
„Es gibt viele Veröffentlichungen und zahlreiche zeitgenössische Dokumente, die von Archivaren und jüdischen Verbänden gesammelt wurden, um den Holocaust in einen geschichtlichen Zusammenhang zu rücken. Daher hatten wir ebenso umfangreiches wie präzises Ausgangsmaterial, auf das wir uns beziehen konnten”, meint der leitende Art Director Rod McLean. „Alain Resnais’ KZ-Dokumentation NIGHT AND FOG von 1955 machte auf uns einen besonders starken Eindruck. Du bist auf so etwas nicht vorbereitet. Obwohl so viel Recherchematerial zur Verfügung steht, haben diese Bilder und Beschreibungen nichts von ihrer Wirkung verloren. Du bist so geschockt, dass du ein paar Tage brauchst, um dich davon zu erholen.”
Die ungarische Hauptstadt Budapest wurde vor allem aus dem Grund als Drehort ausgesucht, weil die Geografie der Stadt und ihrer Vororte den visuellen und technischen Anforderungen von Geschichte und Produktion entsprach. Wichtig waren auch die steuerlichen Anreize in Ungarn, und zudem standen sowohl erstklassige einheimische Crewmitglieder als auch Studioräumlichkeiten zur Verfügung. Was die Filmemacher nicht vorhergesehen hatten, waren die intensiven emotionalen Reaktionen von Besetzung und Teammitgliedern. Schließlich entstand der Film in einem Land, in dem die in der Geschichte geschilderten Grausamkeiten tatsächlich stattgefunden hatten, als das Chaos des Zweiten Weltkriegs Ungarn und seine Bevölkerung auf furchtbare Weise einholte.
Das auf zwei Donauufern gelegene Budapest besteht aus den Hügeln von Buda und den Straßen von Pest. Obwohl während des Zweiten Weltkriegs und des Aufstands von 1956 rund 30.000 Gebäude zerstört worden waren, ist die Vergangenheit in den architektonischen Details der verbliebenen Häuser noch lebendig. Deshalb avancierte Budapest zum Schauplatz vieler internationaler Produktionen, für die es Städte wie London, Paris, Ost- und Westberlin und sogar Buenos Aires „doubelte”.
Auf dem Rückweg von einer seiner zahlreichen Motivsuchen entdeckte Regisseur Herman per Zufall an einer viel befahrenen Straße im Budapester Distrikt Zugló den Ort für die Berliner Stadtresidenz. Das Innere des Hauses drehte man im restaurierten Schloss Sacelláry Castle, das im XXII. Budapester Distrikt, in Budafok, liegt.
Ein Komplex von Wohnblöcken, faktisch eine Stadt in der Stadt, nutzte man für die Szenen der Eröffnungsmontage, in der die Nazis eine Gruppe jüdischer Bürger gefangen nehmen. Die Schuljungen, die Bomberpiloten spielen, „fliegen” über einen eleganten Platz, der direkt hinter dem Hotel Kempinski liegt, und kommen dann durch die Gegend beim Opernhaus.
Nachdem sie die unmittelbare Umgebung abgesucht hatten – von den Jagdhütten bis zu den Bahnhöfen –, entschlossen sich Mark Herman und Szenenbildner Childs, das Äußere des Lager-Wohnsitzes auf dem Grundstück des Waisenhauses in Fót zu errichten, auch als „Stadt der Kinder” bekannt. In den Wäldern der „Kinderstadt” drehte man Brunos Hin- und Rückweg zu dem Zaun, an dem er Shmuel trifft.
Die Baracken, die man für die Szenen im Konzentrationslager nutzte, waren ursprünglich als Set für John Hustons FLUCHT ODER SIEG errichtet worden. Seither hatte man sie immer wieder für zahlreiche ungarische und internationale Produktionen umgebaut.
Die Sets für die Kinderzimmer entstanden im renovierten Lloyd-Studio. Die letzten Drehwochen spielten sich auf der Bühne des Róna-Street-Studios von Mafilms ab.