Mittwoch | 30. Mai 2012 | 23:44 Uhr
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  • Trennung

    Drama | Deutschland / Frankreich / Israel / Italien 2007
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      • | Interview mit Amos Gitai

      • Die Eröffnungsszene

        Es geht um "Make Love, Not War"! Ich dachte, es wäre schön, eine Beziehung zwischen einem israelischen Mann und einer palästinensischen Frau zu zeigen, die nichts mit Kampfhandlungen zu tun hat; also entgegen der üblichen Art und Weise vorzugehen, in denen der Mittlere Osten wieder und wieder porträtiert worden ist. Lasst uns von diesen Karikaturen weggehen und nach grundlegenden Gemeinsamkeiten suchen, vielleicht sogar einen leidenschaftlichen Kuss austauschen. Nicht immer weiter auf diesen extrem festgefahrenen und unbeugsamen politischen Standpunkten beharren. Ich bin davon überzeugt, dass die politische Lösung kommen wird, wenn beide Seiten ihrer Mantras und ihres Enthnozentrismus überdrüssig werden. Wenn sie ihr Trauma aus Verfolgung und Verfolgungswahn ablegen, und nicht mehr länger glauben, dass nur sie Recht haben und der Rest der Welt falsch liegt. Wenn sie das ablegen, wird es Frieden geben, und auch Leidenschaft und Liebe.


        Trennung

        In diesem Film überschreiten wir Grenzen, wir führen Leute zueinander, von denen wir dachten, dass sie völlig getrennt leben. Im Grunde wissen alle Menschen, dass sie die Fähigkeit haben, zueinander zu finden. Wenn es nicht so wäre, denke ich, hätte die Menschlichkeit keine Chance gehabt, all die Grausamkeiten und Völkermorde der Menschheitsgeschichte zu überdauern. Dazu gehört auch die menschliche Fähigkeit vergessen zu können– statt immer nur an Erinnerungen festzuhalten – und die Gegensätze zu überbrücken. Disengagement - TRENNUNG zeigt so eine Form der Loslösung von der Vergangenheit und auch die Schritte hin zu einer Form von Aussöhnung. Der Film handelt davon, wie die Hoffnungen von Menschen durch gewaltige geopolitische Kräfte zerstört werden können. Die Menschen können sehr viele gute Absichten hegen, etwas Sinnvolles aus ihrem Leben zu machen; aber dann werden sie von der Realität eingeholt – die Realität des Mittleren Ostens „sabotiert“ nahezu die Lebenswege der Menschen. Werden sie in der Lage sein, die großen politischen Strukturen eines Tages überwinden zu können? Dies bleibt eine offene Frage.


        Das Lied der Erde

        Ich habe "Das Lied der Erde" von Gustav Mahler immer geliebt. Auch in meinem Film wird die Entwurzelung des Menschen thematisiert – auch er ist in gewisser Weise ein „Lied an die Erde“. Ich wollte schon immer, dass Barbara Hendricks es singt. Wie eine Priesterin aller Religionen singt sie es als Hymne an die Erde, aber sie singt auch das Stück "Der Abschied", wodurch es zu einer Art „Abschied“ des verstorbenen Vater wird und zugleich die Abreise aus Europa meint. Dieser Abschied wird Ana, gespielt von Juliette Binoche, auf einen neuen Weg lenken, der sie mit ihrer Tochter zusammenbringt und sie zugleich zu ihrem Bruder zurückfinden lässt, der sie bereits auf ein ganz anderes Territorium geführt hat.


        Ana

        Ich denke, Ana langweilt sich und möchte provozieren. Sogar die großen kulturellen Anspielungen – der Shakespearesche Text – bestätigen ihre intellektuellen Fähigkeiten; aber sie ist in einem Zustand, in dem sie von allem nur gelangweilt ist. Sie hat ein tiefes Bedürfnis nach einer wirklich emotionalen Begegnung. All die verbalen, intellektuellen Begegnungen sind ihr nicht genug. Sie braucht etwas Körperliches, Konkretes. Uli, der aus einer ländlichen Kibbuz-Gemeinschaft kommt, hat eine unklare Beziehung zu ihr. Ich denke, dass sie beide ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Umfeld entfremdet sind. Sie leben nicht in Einklang mit der Gesellschaft. Das macht sie zu interessanten Figuren. Das Hinüberwechseln auf israelisches Territorium, wo es um eine völlig andere Art von persönlicher Betroffenheit geht, da sich das Drama in der Außenwelt manifestiert, ist für Ana lebenswichtig. Der Mittlere Osten definiert sich jeden Tag neu. Wer immer die politische Geschichte des Mittleren Ostens schreibt, kann sich mit der ruhigen Art der evolutionären Natur der Geschichte nicht zufrieden geben. Diese Region möchte uns ständig damit beeindrucken, dass sie immer neue Höhepunkte erreicht, mal wirklich tragische, mal absurde. Als Ana schließlich mit dieser Art von dramatischer Außenwelt in Israel konfrontiert wird, beruhigt sie sich und wird umgänglicher. Juliette ist in diese Rolle und ihre extremen Anforderungen hineingewachsen.


        Juliette Binoche

        Ich denke, dass Männer sich von Juliettes Offenheit bedroht fühlen können, so wie Uli sich von Ana bedroht fühlt – von ihrer Nacktheit, ihrer Verspieltheit, ihrem großen Abstand zu den "guten gesellschaftlichen Konventionen" oder zu dem, was man guten Geschmack nennt. Sie nimmt die Herausforderung an, sie spielt damit, sie provoziert. Sie ist wie ein Kind. Dies kommt aus ihrem aufgewühlten Innersten, denn alles ist so statisch, unbeweglich, festgefahren. Das erregt sie umso mehr. Sie möchte diese Welt durchschütteln. Ich denke, ihre innere Unruhe liegt in ihrer Herkunft aus dem Großbürgertum begründet: einer Umgebung, die den äußeren Schein zu wahren pflegt. Dies sind die beiden Gegensätze, in die sie hineingeboren wurde. Mein Vater kam aus Europa, meine Mutter wurde in Israel geboren, also befinde auch ich mich zwischen diesen beiden Polen, und in gewisser Weise korrespondieren Ana’s Gefühle mit meinen. Ana, gespielt von Juliette Binoche, ist eine zentrale Figur des Films. Sie folgt ihrer Intuition. Sie ist wie ein offenliegender Nerv, immer empfindlich für Temperaturschwankungen in ihrer Umgebung. Juliette war auf brillante Weise fähig, diese Rolle mit großartiger Gleichmäßigkeit zu verkörpern. Marie-Jose Sanselme und ich hatten die ganze Zeit Juliette Binoche vor Augen, als wir das Drehbuch schrieben. Da ihre Besetzung schon frühzeitig feststand, konnten wir die Figur der Ana noch viel weiter entwickeln. Während der Dreharbeiten war Juliette sehr neugierig und offen dafür, die verschiedenen Facetten von Anas Charakter auszugestalten. Sie geht in ihrer schauspielerischen Arbeit sehr methodisch vor, und sie ist sehr hartnäckig und anspruchsvoll, wenn es um Fragen der Charakterisierung und Kontinuität geht. Daran erkennt man die große Schauspielerin. Wir haben viel über die Konflikte hier in Israel gesprochen und ich habe ihr gesagt, was ich von all dem denke, aber Juliette bringt etwas Eigenes in den Film ein.


        Uli

        Uli, gespielt von Liron Levo, dem außergewöhnlichsten israelischen Schauspieler seiner Generation, musste sich mit der Vielschichtigkeit seiner Rolle auseinandersetzen: zum einen ist er ein Polizist, der für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich ist, zum anderen ist er Ana’s sensibler Halbbruder. Uli ist desillusioniert: Er ist ein Polizist, der von seinem Job gefangen ist, aber er fällt kein Werturteil darüber. Diesen Film zu machen, war für mich wie ein Puzzle. Mit jedem Film bearbeite ich ein neues Stück israelischer Realität. Viele Leute aus der Führungsschicht Israels sind von jeher aus dem Umfeld der Armee gekommen. Die Polizei ordnet man eher den unteren Schichten der Gesellschaft zu, deshalb fand ich, es sei interessant, die Figur des Uli zu einem Polizisten zu machen und nicht ins Militär zu verlagern. Er scheint sich eher Sorgen um das Auto zu machen, das er von seinem Vater geerbt hat. Er behandelt es wie einen Fetisch, denn es hat ihn sehr viel Mühe gekostet, die Überführung von Frankreich nach Israel zu organisieren. Er ist aber auch ein Mann, der immer noch glaubt, dass Israelis Dienst beim Militär leisten sollten, dass sie tun sollten, was man ihnen sagt, und dass sie nicht dem Konsum und dem Reichtum verfallen sollten. Uli ist also nicht sehr repräsentativ für die jetzige israelische Gesellschaft, denn er pflegt noch Werte und Haltungen, an denen die heutige israelische Gesellschaft sich nicht mehr orientiert. In Israel geht es, wie in fast allen westlichen Gesellschaften, um materiellen Erfolg – Uli ist noch immer Idealist.


        Jeanne Moreau

        Ich bin Jeanne Moreau an einem Abend zu Ehren von Pedro Almodovar in der französischen Cinemathèque begegnet. In ihrer direkten Art kam sie auf mich zu und sagte: "Können Sie sich noch erinnern, was Sie mir vor 15 Jahren sagten? Sie kamen zu mir nach Hause und boten mir eine Rolle an. Als ich Ihnen antwortete, dass könnte ich nicht machen, sagten Sie, ich sei zu ichbezogen!" Ich entschuldigte mich dafür, dass ich ein so unhöflicher junger Filmemacher gewesen war, aber sie meinte, gerade das hätte sie veranlasst, fast alle meine Filme anzuschauen. Die Sache hatte also durchaus ihren Effekt gehabt. Dann sagte sie: "Jetzt bin ich soweit!" Die Rolle der Anwältin des Vaters erforderte eine bestimmte Art von Autorität und Charisma, genau richtig für Jeanne. Sie sagte: "Ich finde das großartig. Dieses Dilemma in der Welt, von dem du sprichst, ist wirklich wichtig. Ich sehe, dass es eine kleine Rolle ist, aber sie ist gut, und ich werde es machen." Ich dachte, dies erstmalige Aufeinandertreffen von zwei Schauspielerinnen aus verschiedenen Generationen auf der Leinwand zu sehen, würde bestimmt wundervoll werden.


        Das Familienhaus

        Ich reiste mit meinem Produzenten Laurent Truchot durch den Süden Frankreichs, und wir zögerten bei der Wahl zwischen Aix-en-Provence und Avignon. Als wir dann aus Avignon hinausfuhren, sahen wir dieses fabelhafte Gebäude, dass sich in genau dem richten Zustand von Verfall befand, ein eleganter Verfall sozusagen, vollkommen unberührt von diesen übertriebenen und glattpolierten Restaurierungen mit Goldüberzug. Es fühlte sich so an, als würden dort immer noch Leute wohnen. Es war nicht einfach nur ein Filmschauplatz. Offensichtlich ist es Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut worden und wurde mehr als 200 Jahre von derselben Familiendynastie bewohnt, bis deren letztes Mitglied vor anderthalb Jahren starb. Mein Kameramann Christian Berger entwickelte dafür ein raffiniertes Ausleuchtungssystem mit Reflektoren und Spiegeln, sodass er mit sehr wenig Licht auskam und den Moment einfangen konnte, in dem das Licht schwindet, wodurch so eine Art gespenstischer Atmosphäre entstand, ein Ort der Schatten und geisterhafter Familientradition. Ich denke, das war sehr wichtig und wesentlich für den ersten Teil, französischen Teil des Films.


        Strukturen

        Als Architekt habe ich Gebäudekomplexe und Häuser schon immer gemocht. Wenn man einen genauen Blick auf die Architektur wirft, erkennt man, dass sie eine Art Metapher, eine Parabel des Ortes ist, von dem man sprechen möchte. In Europa spürt man Stillstand und Unbeweglichkeit. Einerseits ist diese Welt wirklich exquisit und bewahrt eine gewissen Geist, andererseits aber ist sie statisch und überhaupt nicht zeitgemäß. Ein Teil der Schwere, die man in Europa fühlt, kommt aus der Architektur. Im israelischen Teil des Films sieht man Häuser, die schließlich zerstört werden. Man sieht auch eine Art größerer Ruhe und Gelassenheit, mit der die Israelis Berge versetzen. Darin steckt eine völlig entgegengesetzte Energie, manchmal aufrührerisch und auf ganz andere Art verstörend und manchmal freier und befreiter. Ich denke, der Kontrast zwischen diesen beiden Welten war wichtig für den Film.


        Inspiration

        In gewisser Weise ist mein Sohn Ben Gitai verantwortlich dafür, dass ich diesen Film gemacht habe. Im August 2005 musste er seinen obligatorischen Militärdienst leisten. Er rief mich an und erzählte mir, dass er für die israelische Räumung von Gaza eingeteilt worden ist. Er würde es filmen und fotografieren und schlug vor, ich solle ebenfalls dorthin kommen. Da ich doch ein an der israelischen Gesellschaft interessierter Filmemacher sei, müsste ich an so etwas vor Ort teilnehmen und wirklich dabei sein. Ich setzte mich in mein Auto und sagte zu Ben: "Ich habe keine Erlaubnis." Ich wusste, dass die Armee das Gebiet abgeriegelt hatte. Er sagte: "Du wirst bestimmt einen Weg finden, da hinein zu kommen." Es ist wahr, an den verschiedenen Straßensperren musste ich all meine Erlebnisse aus meiner Teilnahme am Kippur-Krieg auffahren, um die Soldaten zu überreden, mich hineinzulassen. Schließlich wurde mir und anderen Journalisten erlaubt, zu den Siedlungen zu fahren, kurz bevor sie evakuiert wurden. Ich kam nachts dort an und sah den Beginn des Konflikts zwischen dem Militär und den Siedlern. Diese Episode des israelischen öffentlichen Lebens hat einen wirklich tiefen Eindruck auf mich gemacht. Etwa um die gleiche Zeit fiel mir ein Buch wieder in die Hand, das ich vor Jahren schon mal gelesen hatte und das ich wieder lesen wollte – den umfangreichen und wundervollen Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil. Er hat das Buch zwischen den beiden Weltkriegen geschrieben und er beschreibt darin den inneren Zustand eines Mannes, dem die großen ideologischen Kämpfe jener Zeit fremd geworden sind. Zugleich befindet dieser Mann sich in einer Zeit des persönlichen Umbruchs, zwischen zwei Beziehungen mit verschiedenen Frauen. Der zweite Band beschreibt, wie der Mann sich mit seiner Schwester trifft, nachdem der Vater der beiden gestorben ist. In diesen Erlebnissen herrscht eine Stimmung, die ich auch für heutige Verhältnisse sehr zeitgemäß fand. Ich entschied mich dafür, das Buch nicht direkt zu adaptieren, aber als ich das Drehbuch gemeinsam mit Marie- Jose Sanselme zu schreiben begann, wollte ich, dass meine beiden Hauptfiguren sich im gleichen inneren Zustand befinden sollten wie jene bei Musil.


        Fiktion

        Ich denke, der Film geht respektvoll mit den unterschiedlichen Standpunkten um. Aber ich war mehr daran interessiert, einen erzählenden Film zu machen, keinen dokumentarischen. Ich meinte, es sei interessanter, die Verbindungen mit Europa zu betonen und leichter zu strukturieren, in dem man mit Fiktion arbeitet. Wir haben ausgiebige Recherchen gemacht und eine Menge Filmmaterial angeschaut. Es ist genau das dabei herausgekommen, was wir haben wollten. Wenn man einen erzählenden Film macht, ist es kein Dokudrama. Man stellt die Realität nicht in Spielszenen nach, sondern man lässt sich von der Realität inspirieren. Ein Film ist immer Ausdruck der Sichtweise eines Einzelnen – eine Art poetische Umformulierung der Ereignisse. Das sind nicht die Ereignisse selbst. Unsere Verpflichtung oder unsere Zielsetzung besteht darin, ein ähnliches Gespür zu vermitteln, eine ähnliche Intensität des Gefühls von dem, was auf dem Spiel steht. Wir sind nicht dazu da, die Realität immer und immer wieder zu reproduzieren.


        Siedlungen

        Amos Gitai, der Filmemacher, unterscheidet sich von Amos Gitai, dem Bürger. Amos Gitai, der Bürger, ist gegen die israelischen Siedlungen auf dem Land der Palästinenser. Er war nie dafür, und er ist für Frieden und Versöhnung. Aber ich denke, wir sollten die Menschen nicht wie Schachfiguren behandeln. Wenn alle aufeinanderfolgenden israelischen Regierungen, rechte wie linke, die Leute dazu ermutigen, ja sogar drängen, auf palästinensischem Land zu siedeln, und das auch noch finanziell unterstützen, dann aber eines Tages kurzerhand beschlossen wird, diese Leute zu evakuieren und ihre Häuser zu zerstören, dann wird klar, dass man damit ein menschliches Drama in Gang setzt. Während meiner Vorarbeiten habe ich mich mit einigen dieser Siedler getroffen. Ich wollte ihnen keinerlei Versprechungen machen, da ich an die künstlerische Eigenständigkeit glaube. Ich wollte ihnen nichts schuldig sein. Aber ich war es mir selbst schuldig, sie fair zu behandeln. Ich kann die Siedler verstehen, obwohl ich politisch anderer Ansicht bin als sie. Ich kann mich sogar in sie einfühlen, wenn sie von den Orten vertrieben werden, an denen sie drei Generationen lang gelebt haben. Es ist nicht einfach. Was immer man von diesen Leuten hält, es ist nicht einfach.


        Israel

        Israel hat eine charmant chaotische und anarchische Seite. Das gesellschaftliche Umfeld kann sogar ziemlich feindselig sein. Das lässt sich im politischen Leben Israels erkennen, wo jeder es liebt, die politischen Führer zu zerstückeln. Man setzt sie endlosen Befragungen und Untersuchungen aus, man feuert sie, man bespuckt sie. Es ist eine Art lokales Ritual, bei dem niemand heilig ist. Das ist die traditionelle jüdische Haltung gegenüber den Mächtigen. Obwohl der größte Teil der israelischen Gesellschaft nicht religiös ist, steckt die Religion doch im kollektiven Unterbewusstsein. Würden die Israelis vollkommen militärisch oder vollkommen orthodox werden, dann wären sie zum Untergang verurteilt. Sie sind nie zufrieden mit dem Status Quo, und sie stellen alles in Frage; genau daraus beziehen sie ihre großartige Vitalität. Israels Realität ist wie ein Vulkan. In Europa ist die Lava längst erkaltet. Sie hat eine feste Form angenommen, eine klare Gestalt. In Israel kann diese klare Form noch nicht definiert werden. Wir wissen nicht, was als nächstes kommt. Auch die Produktion dieses Films vollzieht sich mitten in einem laufenden Prozess. Das ist eine eigentümliche und einzigartige Situation: das Kino – das adäquate Medium unserer Zeit – kann die Realität abbilden, während sie geschieht.


        Grenzen

        Ich hatte mich sehr früh dazu entschlossen, unterschiedliche Barrieren zu filmen. Es begann mit jenem hohen Zaun in der Nähe des Bahnhofs von Avignon. Uli klettert darüber, um zum Haus seines Vaters zu kommen. Er hätte einen anderen Weg wählen oder nach einem Durchgangstor suchen können. Aber dieser israelische Mann mit seiner exzessiven Energie will den Zaun überwinden. Auch dies steht für das Überschreiten von Grenzen. Im Film bewegen wir uns durch Räume, an Treppen entlang, später dann kommen wir durch Straßensperren und Polizeikontrollstellen, um in Gegenden zu gelangen, in denen wir nicht sein sollten. Es gibt einen Zaun, der den Rabbi von seinen Anhängern trennt, und Uli und die Polizei und das Militär. Es gibt auch eine Barriere zwischen den Palästinensern und den Israelis. Den ganzen Film über bewegt sich die Kamera durch diese Barrieren hindurch, so dass der Zuschauer zu einem Wanderer wird, der von den Absperrungen und Abtrennungen nicht aufgehalten wird. Der Zuschauer kann sich eine eigene Meinung bilden, denn er kann sich durch all diese Räume frei bewegen.


        Die (un)vollkommene Lösung

        Wenn man sich auf die Komplexität eines politischen Problems einlässt, teilt man die Welt nicht in simple Standpunkte ein. Man erkennt die ganze Widersprüchlichkeit der Sache und begreift, dass die politische Lösung aus der schwierigen Situation heraus entwickelt werden muss. Politische Problemlösungen unterscheiden sich sehr von künstlerischen Problemlösungen. Ich denke, Intellektuelle und Künstler verursachen bei vielen Gelegenheiten Konfusion. Wenn man einen Film macht, wenn man schreibt oder malt, kann man so radikal sein wie man möchte, und man sollte sich so dicht an die eigene innere Realität, die eigene innere Wahrheit halten wie es nur geht, man sollte keine Kompromisse eingehen. Politik und Kunst sind völlig unterschiedlich und manchmal werden Leute, die von den Künsten zur Politik übergehen, selbst verwirrt. Politik ist nicht wie Filmemachen. Ich denke, die Israelis und die Palästinenser werden erst dann Frieden haben, wenn sie akzeptieren, dass politische Lösungen von Natur aus immer unvollkommen sind.

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