Was hat Sie an HANGTIME gereizt, als Sönke Wortmann und Tom Spieß Ihnen den Stoff angeboten haben? Was betrachten Sie als das Herz der Geschichte und was gefällt Ihnen daran?
Ich fand es spannend, von einer Figur am Scheideweg ihres Lebens zu erzählen. Als das Herz der Geschichte betrachte ich die Frage, was man als Zwanzigjähriger macht, wenn man eine Begabung hat, und mit dieser Begabung die Möglichkeit hätte, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Oder zumindest etwas Besonderes damit zu machen. Vinz’ Begabung ist Basketball und er stellt fest, dass er so gut darin ist, dass er damit etwas erreichen könnte. Er könnte ins Ausland gehen, er könnte in Deutschland in der 1. Liga spielen, er könnte aber auch da bleiben und mit Hagen weiterkommen. Der Sport ist für ihn also mehr geworden als bloß ein Hobby. Und Vinz muss in dieser Situation die Entscheidung treff en, wie der nächste Schritt in seinem Leben aussehen soll. Diese Entscheidung hängt aber eng mit seinem Lebensumfeld zusammen, in dem er verwurzelt ist: mit seinem Bruder, von dem er sich frei schwimmen muss, mit seinen Freunden, mit seinem Club. Sich von all diesen Komponenten zu trennen, um seinen eigenen Weg zu fi nden, macht ihm die Entscheidung besonders schwer. Mir gefi el, dass HANGTIME nicht nur ein Drama ist, sondern das das Dramatische immer wieder durch sehr komödiantische Momente mit Vinz’ Buddies Samy und Ali gebrochen wird. Das macht es sehr authentisch, denn im Leben ist auch nicht immer alles nur unheimlich dramatisch. Das Thema Leistungssport im Film hat mich unheimlich gereizt, da es zwei Lebensabschnitte von mir vereint. Bevor ich in der Filmbrache angefangen habe zu arbeiten, habe ich in der 2. Bundesliga Volleyball gespielt und es auch mal erlebt, wie es ist, aufzusteigen. Ich war aber nie so gut, dass ich in der 1. Liga hätte spielen oder im Ausland damit Geld verdienen können. Dass Sönke Wortmann das von mir wusste, war wohl auch ein Grund, warum er mir das Projekt angeboten hat.
Könnten Sie die Hauptguren des Films kurz ein bisschen charakterisieren?
Vinz ist nicht unbedingt ein introvertierter Typ, aber jemand, der immer ein bisschen braucht, bis er mit den Dingen rauskommt, die ihn bewegen – sowohl im Positiven als auch im Negativen. Wenn er ein Problem hat, dann versucht er das erstmal mit sich zu lösen. Er hat also Schwierigkeiten damit, Gefühle off en zu zeigen. Er bringt sich erst gar nicht gern in Situationen, in denen er sich mit seinen Emotionen auseinander setzen müsste. Auch mit Kathi fällt es ihm schwer, Emotionen zu zeigen und Nähe zuzulassen.
An der Art und Weise, wie er die Beziehung angeht, merkt man, dass er nach dem Tod der Eltern emotional zugemacht hat, um sich zu schützen. Ohne Eltern aufgewachsen zu sein bestimmt Vinz als Figur noch immer sehr. Er hofft, dass das Leben und die Zeit alles so hinbiegen, dass es sich irgendwie alles von selbst entscheidet. Aber in der Zeit, in der wir ihn im Film begleiten, muss er Entscheidungen treffen. Georg ist mittlerweile mit seinen Anfang dreißig ziemlich verbittert. Das Leben meinte es bisher nicht gut mit ihm. Das begann mit dem Tod der Eltern, daraus folgte der Abbruch seiner Karriere im Basketball, berufl ich funktioniert es nicht gut und auch mit den Frauen läuft alles nicht so, dass es ihn befriedigt und weiterbringt. Nun hofft er, dass er Vinz Profi -Karriere als Leiter nutzen kann, um endlich aus dieser Wanne rauszukommen, aus der er sich nicht herauszustrampeln schafft.
Dabei ist Georg auch ein sehr physischer Typ. Vielleicht auch, weil Emotionen nicht anders aus ihm raus können. Ali ist so ein Typ, den kann nichts umhauen. Aus dem größten Mist, der ihm passiert, zieht er noch etwas Positives. Der hat seinen Plan, der erstmal für alle Welt sehr skurril erscheint, aber er zieht ihn durch. Und wenn der nicht klappt, dann hat er halt noch einen anderen Plan. Und wenn der auch nicht klappt, dann hat er noch einen anderen. Wenn alle ihn für bescheuert erklären, dann nimmt er das zwar wahr, er ist ja nicht unsensibel, aber er lässt sich davon nicht unterkriegen. Samy ist jemand, der eine lockere Herangehensweise an das Leben hat – anders als Vinz, der sich um alles immer viele Gedanken macht. Für Samy hingegen läuft das Leben gerade super. Der spielt in der 2. Liga, kriegt da ein paar Mark, hat einen Job in der Bäckerei, wo man ihm wohl gesonnen ist und ihm genug Freiheiten gibt, um noch Basketball zu spielen. Für ihnkönnte einfach alles weiter so laufen.
Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen dem Thema Sport und dem Thema Erwachsenwerden im Film?
Naja, ein Teil vom Erwachsenwerden ist ja die Übernahme von Verantwortung. Und im Sport gibt es viele Situationen, in denen das eigene Handeln entscheidende Konsequenzen hat, mit denen man klar kommen muss und die man ganz allein trägt. Wenn es zu den entscheidenden Sekunden im Spiel kommt und man übernimmt die Verantwortung für den Wurf, dann muss man dafür auch die Konsequenzen übernehmen. Meistens übernimmt man sie ja besonders gerne, wenn’s klappt. Wenn’s nicht klappt, musst du dafür gerade stehen. Ich fi nde schon, dass das eine Parallele ist zwischen Erwachsenwerden und Leistungssport, gerade bei Mannschaftssportarten. Dazu kommt, dass es im Sport immer viele Situationen gibt, in denen man unter Druck steht. So ist es natürlich auch im Leben, gerade wenn du etwa zwanzig Jahre alt bist und die Schule fertig hast. Ich glaube, dann lastet mit dieser ständigen Frage, was man denn jetzt machen will, ein ganz schön großer gesellschaftlicher Druck auf einem. Druck auszuhalten ist auch so eine Parallele, gerade bei den beiden Brüdern – Georg übt natürlich einen ganz schön großen Druck auf Vinz aus.
Was würden Sie sich wünschen, was die Zuschauer aus dem Film für sich mit nach Hause nehmen?
Ich würde mir wünschen, dass die Leute mit einem guten Gefühl aus dem Film rausgehen. Ich möchte natürlich auch gerne, dass der Film die Zuschauer berührt. Das ist ja immer so eine Floskel, dass es toll ist für den Filmemacher, wenn der Film die Zuschauer berührt, aber das ist auch wirklich so. Ich würde mich total freuen, wenn die Zuschauer rauskommen und merken, dass sie eineinhalb Stunden so richtig mit Vinz gelitten und sich mit ihm gefreut haben und sagen: „Ich versteh das schon, was der macht, auch wenn das nicht mein Leben ist“. Wenn ich das Gefühl habe, dass die Leute in sehr emotionalen Szenen mit den Figuren mitgehen, dann ist das großartig, genauso wie wenn sie am Schluss mitfi ebern, wenn’s ums entscheidende Spiel geht. Das fände ich toll, wenn beides passieren würde: knapp vorm Weinen und auch ein bisschen Mitjubeln.