FILMDETAILS | Die Widerständigen - Zeugen der Weißen Rose
Die Widerständigen - Zeugen der Weißen Rose
Dokumentation,
Zeitgeschehen
| Deutschland 2008
WERBUNG
| Katrin Seybold: "Wenn einer spricht , wird es
Als Raul Hilberg 1993 sein Buch "Täter, Opfer Zuschauer" in München vorstellte, wies er darauf hin, daß nicht allein die sich immer noch weitgehend auf Täterdokumente stützende Geschichtsschreibung nur Beachtung finden dürfe, sondern auch die Lebensgeschichten Einzelner, insbesondere die der Regimegegner und Verfolgten. Doch die Besten und Mutigsten seien tot, obwohl diese, streng genommen, doch die wichtigsten Zeugen wären. Meine Befragungen, 60 Jahre später, sind demnach Mosaiksteine, Facetten des Widerstands der Weißen Rose aus heutiger Sicht. Gleichzeitig ergibt sich daraus meine Haltung: Ich sehe mich nicht als Dokumentaristin oder Chronistin, höchstens als "Festhalterin", ich halte etwas fest, weil es sonst verschwindet. Und daraus ergibt sich meine Form: „Wenn einer spricht, wird es hell“, dieses Wort Sigmund Freuds gilt immer noch.
Der Film wird aus den bruchstückhaften Erinnerungen der Beteiligten bestehen. Ich habe nicht gefilmt am authentischen Ort, der sowohl Emotionen wie auch Starrheit hervorrufen kann, ich hatte keinen systematisierten Fragenkatalog sondern meine Fragen im Kopf. Bei einer solch schwierigen Situation: Filmkamera, Scheinwerfer, und meinem Druck an eben dem Tag das gesagt zu bekommen, was wichtig ist. Auch wenn ich mich immer auf die Menschen eingestellt habe, eingegangen bin, gelang es mir nicht immer, für mich ergiebige Aussagen zu bekommen - wie verständliche Sätze, nur um ein Beispiel zu nennen. Bei einer wichtigen Zeugin mußte ich die Dreharbeiten wiederholen. Im Allgemeinen ist das nicht möglich - aus Kostengründen. Es waren keineswegs lockere Gespräche unter Gleichgesinnten, keine Erzählungen mit Enkeln, sondern ich stellte Fragen in einer Ausnahmesituation, die inszeniert war.
Die meisten Zeugen mußten viel Überwindung aufbringen, um sich hier zeigen zu können. Dieses Filmen erinnerte sie an Erfahrungen, die wieder aufleben zu lassen keineswegs immer befreiend wirkten. Durchweg waren es die Frauen, die ihren Anteil an den Aktionen für unbedeutend hielten, sie haben sozusagen sich selbst an den Rand der Geschichte gedrängt, auch wenn ihre Taten sehr couragiert waren, erschien ihnen ihre eigene Lebensgeschichte nicht erzählenswert angesichts derer, die ihr Leben verloren hatten. Bei den Männern war das manchmal umgekehrt, im Allgemeinen waren sie selbstbewußter. Einige der Zeugen stehen heute im Rampenlicht, den anderen ist öffentliche Anerkennung bis heute versagt geblieben. Die Qualität der Aussagen zwischen den bekannteren Zeugen und derer, die bisher nicht in der Öffentlichkeit standen, differiert häufig sehr stark. Eine der Ursachen dafür ist, daß manche Zeugen ihre Lebensgeschichte schon sehr oft erzählt haben.
Für den Erinnerungsprozeß ist es notwendig, daß die Fragerin eine Fremde bleibt, eine Art Komplizin des Gedächtnisses nur insoweit, daß Erlebtes wieder kommt. Ich denke, Personen werden im Film erst Zeugen, wenn der sie Befragende, das Gegenüber Ihnen selbst nichts zu sagen hat, sondern nur wissen will. Dann, allerdings erscheint, was kein Kriminalkommissar der Gestapo je imstande ist, aufzuzeichnen und aus den Akten herauszulesen ist: Die Sprache, die wankelmütige, hilflose, die zögerliche, verunglückende, geschminkte, enttarnte, und das Herantasten an das richtige Wort, an die Beschreibung des alles einschränkenden Standpunkts, Blickwinkels, also die Relativierung.
Voraussetzung für Offenheit der Zeugen sind Anteilnahme und Hinwendung zu den mir - nennen wir es so - zeitweise Ausgelieferten. Für einen kurzen Moment löse ich Trauer, Abwehr, Schmerz, selten Freude aus. Oft ernte ich dafür Wut, Ärger, Zorn. Und, es mag paradox klingen, die Zeugen, mit denen ich mich am meisten "gestritten" habe, sind im Film die Eindrücklicheren. Die Facetten der Wahrheit einer Aussage, oder besser, Hannah Arendts "Augenblick der Wahrheit" kann nur durch Mitteilung entstehen und wenn diese kein Gehör findet, gibt es kein Zeugnis. Ich verstehe diese Mitteilung als Aufruf und Appell an unsere Verantwortung, vorausgesetzt sie gelangt zu einer Rezeption, zur Aufnahme und kann so - in sogenannter sekundärer Zeugenschaft - mit den Beteiligten geteilt werden. ...
"Wo flammt ein Wort, das für uns beide zeugte?" fragt Paul Celan in einem Gedicht. Als Filmemacherin nehme ich für mich überhaupt nicht die Deutungshoheit über die Geschichte in Anspruch. Insofern ist es mir 60 Jahre nach der Katastrophe nicht darum zu tun, Identifikation und Heldenverehrung mit den Wagemutigen einerseits und Ablehnung und Entsetzen über Denunzianten andererseits auszulösen. Ich versuche die Rückblicke der Zeugen von heute zu verknüpfen durch die Suche nach Darstellungsformen, durch die Montage von Zeugenerzählungen, Erinnerungssplitter Einzelner, ich nehme kein Propagandamaterial, kennzeichne Fotos, Dokumente der Täter, trenne die Fotos der Verfolgten von denen der Verfolger. Insofern bin ich parteilich. Das ist meine Form der Umsetzung, mein Mittel, sich der Geschichte zu nähern.
(Quelle: Auszüge aus: "Zeitgeschichtlicher Film und Geschichtswissenschaft" Vortrag zum 75. Geburtstag von Hans Mommsen. 5.11.2005)
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