Der Schriftsteller Václav Havel war Dissident und Präsident, und er ist auch heute noch eine Symbolfigur. Havel steht für den gewaltlosen Kampf gegen staatliche Unterdrückung und Zensur. Er kämpfte für eine freie und demokratische Gesellschaft. Eigentlich hatte der Bürger Havel sich nach eigenen Aussagen nicht für Politik interessiert. Und doch wurde er zu einem der berühmten Sprecher gegen die Willkür des kommunistischen Regimes. Zum ersten Mal erregte der Kritiker Havel 1967 mit einer Stellungnahme gegen die Zensur die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Der Theaterautor Havel wurde nach der gewaltsamen Beendigung des „Prager Frühlings“ durch die Armeen des Warschauer Paktes von der Bühne verbannt. Er war einer der prominenten Unterzeichner der „Charta 77“, mit der die tschechische Bürgerrechtsbewegung gegen die Menschenrechtsverletzungen im Land protestiert hat.
Immer wieder wurde Václav Havel verhaftet. 5 Jahre verbrachte er im Gefängnis. Die Machthaber wollten ihn mundtot machen – ohne Erfolg...
Im Dezember 1989 wurde Václav Havel zum Präsident der Tschechoslowakei und 1993 zum ersten Präsident der Tschechischen Republik gewählt.
Knallige Beschreibungen wie ein »märchenhafter Aufstieg vom Gulag in die Burg« (Reason Magazine, 5. 03) scheinen sich für diesen Werdegang anzubieten. Regisseur Pavel Koutecký geht mit seinem Film »Citizen Havel« einen anderen, viel interessanteren Weg, bei dem er auf Zuspitzung und Überhöhungen verzichtet. Er sucht nicht den Helden, er betrachtet den Mensch in seiner Rolle. Koutecký wählt für sein Porträt eine demokratische Perspektive. Kameramann und Präsident scheinen sich auf gleicher Höhe zu befinden. Er versucht auch nicht, mit Archivbildern etwa, den Weg Havels zu rekonstruieren. Koutecký hält fest, was gerade vor seiner Kamera passiert.
»Citizen Havel« lässt den Zuschauer an Gesprächen des Präsidenten mit seinen Beratern teilnehmen. Wir erleben ihn in Krisen, etwa bei der Regierungsbildung, bei der Vorbereitung auf Staatsbesuche und andere Repräsentationsaufgaben oder wie er Debatten um seine Person am Fernseher verfolgt. Havel thematisiert die Präsidentenrolle, er lässt sich bei der Selbstinszenierung zuschauen und erlaubt sogar die Aufzeichnung der Inszenierungshilfe seines Beraterteams. Einblick und Transparenz sind dem gefährlichen Teil der Machtausübung entgegen gesetzt. Wie fürchterlich eine Macht sein kann, von der man nichts weiß, nicht wie sie funktioniert, wer dahinter steckt und was ihre Ziele sind, hat Franz Kafka, ein anderer Bürger Prags, in seinem Roman »Das Schloss« erfahrbar gemacht. Václav Havel lässt sich bewusst in die Karten schauen und er gestattet mehr als einen Blick hinter die Kulissen seiner Macht.
Zehn Jahre blieb Kouteckýs Kamerateam ganz nah dran. In dieser Zeit, der gesamten Amtszeit des ersten Tschechischen Präsidenten, hat er 150 Drehtage mit Václav Havel verbracht und 120 Stunden Film belichtet. Davon ist vieles, wie z.B. Havels Räsonnement über Stil, Hemden und Krawatten geradezu spektakulär unspektakulär. Natürlich kann man sagen, dass Havels insistieren auf ein ansehnlicheres Rednerpult, oder der Wunsch eine Vase des tschechischen Designers Bocek Šípek möge bei Fotoaufnahmen neben ihm stehen, keine welthistorische Bedeutung haben.
Doch zeigen sie den Bürger in der Präsidentenrolle und wie der die Aufgabe der Repräsentation reflektiert und dabei auch bemüht ist sein eigenes Markenzeichen zu kreieren. So kann »Citizen Havel« als Film betrachtet werden, der Licht in die Lücke zwischen Amtsträger und Amt wirft.