FILMDETAILS | Ruhnama - Im Schatten des heiligen Buches
Ruhnama - Im Schatten des heiligen Buches
Dokumentation
| Finnland 2007
WERBUNG
| Langinhalt
Wer auszieht das Fürchten zu lernen, könnte dies in einem der Länder versuchen, in denen Herrschaft und Macht nach Gutdünken der Mächtigen ausgeübt werden, und in denen demokratische Kontrollen und Instanzen ebenso unbekannt sind wie rechtsstaatliche Prinzipien. Man könnte beispielsweise, wie der finnische Regisseur Arto Halonen, den zentralasiatischen Staat Turkmenistan bereisen. Man kann auch seinen Film »Ruhnama - Im Schatten des Heiligen Buches«, in dem er über den turkmenischen Diktator und sein Buch berichtet. Mit diesem Film tauchen wir in die bizarre und zuweilen disneyhafte Monstrosität der fernen Diktatur ein – und landen unversehens wieder zuhause in unserem Europa, bei Siemens und Nokia zum Beispiel.
Das ist eine längere Geschichte, deren Ergebnis »Ruhnama - Im Schatten des Heiligen Buches« prägnant dokumentiert. Die Geschichte beginnt lange vor den Dreharbeiten mit dem Zerfall des Sowjet-Imperiums und mit Saparmyrat Nijasow, dem ehemaligen »Ersten Sekretär« der Kommunistischen Partei der »Turkmenischen Sozialistischen Sowjetrepublik“ und Mitglieder des Politbüros der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Nach der Unabhängigkeitserklärung Turkmenistans blieb Nijasow an der Macht. Er wurde Staatspräsident und übernahm bald auch das Amt des Ministerpräsidenten. Später ließ sich der Autokrat zum Staatschef auf Lebzeiten ernennen. Nijasow hatte das kommunistische Herrschaftssystem im Nu in eine Diktatur umgebaut und auf seine Person ausgerichtet. Neben den üblichen Unterdrückungsmitteln gehörte also der Kult um seine Person zu einem wesentlichen Teil des Herrschaftssystems unter Nijasow, der fortan den Titel Türkmenbay (»Oberhaupt aller Turkmenen«) trug. In Turkmenistan tragen sogar die Monate Namen, die der Diktator sich zur Ehre ausgesucht hat. Als der sich aus gesundheitlichen Gründen das Rauchen abgewöhnen musste, wurde der Tabakkonsum flugs in der turkmenischen Öffentlichkeit verboten. Allein die Bilder der Herrschaftsarchitektur, eine Mischung aus Albert Speer Stadtplanung und Disneyland mit der sich der Despot hat erhöhen lassen, macht den Zuschauer staunen und frösteln. Dazu gehört auch eine gigantische Skulptur DES turkmenischen Buches, das sich zu festen Zeiten öffnet und seine »Weisheiten« über Lautsprecher verkündet.
Ruhnama heißt das Werk, dass Autobiografie, Historie (Geschichtsklitterung inklusive) mit Geschichten und Gedichten von anderen Autoren mischt. Der Diktator hat, wie andere Führer autoritärer Regime vor ihm von Hitler und Stalin über Mao bis Gaddafi, das Buch (angeblich) selbst geschrieben und zum obersten Regelwerk in seinem »Reich« erklärt. Als Pflichtlektüre wird sein Inhalt bei Prüfungen und Examina sogar bei Fahrprüfungen abgefragt. Staatsangestellte sind verpflichtet Samstags an Lesekreisen der Ruhnama teilzunehmen und in Schulen muss ein Viertel jeder Unterrichtstunde der Lehre des Diktators gewidmet werden. In Kirchen und Moscheen muss die Ruhnama neben Bibel und Koran liegen.
Was, fragt Regisseur Arto Halonen, bewegt internationale Konzerne wie DaimlerChrystler, Siemens, Bouygues oder Caterpillar dazu, dieses zentrale Werk im Unterdrückungsapparat der Diktatur zu loben und es sogar in verschiedene Sprachen übersetzen zu lassen? Was haben sie davon die Propaganda des Diktators zu finanzieren? Die Antwort liegt nah: Der Weg zu den Ressourcen des Landes führt allein über das Herz des Herrschers, und Turkmenistan ist ein sehr reiches Land (mit einer sehr armen Bevölkerung). Dort gibt es Öl- und Gasvorkommnisse, die zu den größten der Welt zählen.
Mit »Ruhnama - Im Schatten des Heiligen Buches« lässt Halonen die Zuschauer auch an seinen Versuchen teilnehmen die betroffenen Konzerne dazu zu bewegen, sich zu dem Problem zu äußern.
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