Ajami, Jaffa, Tel Aviv – ein Ort im Ungefähren, seit Jahrhunderten umkämpft, von Kulturen und Mythen durchdrungen, tausendfach erzählt. Die von Legenden umrankte ‚Braut des Meeres‘ ist ihren eigenen, von ungezählten Historikern in Beschlag genommenen Weg in die Moderne gegangen. Wie an kaum einem anderen Ort durchkreuzt sich hier die Hoffnung des jüdischen Volks auf eine neue Heimat mit der Geschichte der arabischen Kultur. Jaffa und Tel Aviv – Palästina und Israel – man kann das Eine nicht ohne das Andere erzählen. Ajami ist Brennpunkt, Schmelztiegel und Epizentrum eines verhängnisvollen Konflikts, ein Ort, an dem die Gefahr in jeder Sekunde präsent ist.
Die Geschichte, die in „Ajami“ erzählt wird, führt von den Marktplätzen der Stadt in die Beduinen- Dörfer der Umgebung, von den Wohnzimmern jüdischer Familien auf das Straßenleben der Vororte, von den Begrenzungen der palästinensischen Gebiete in den innersten Kern tragischer Verwicklungen. Auf engstem Raum leben in Ajami Menschen verschiedenster Herkunft, verschiedenster Kulturen und Wirklichkeiten in einem dicht gewebten Netz der Beziehungen und Abhängigkeiten. Erzählt wird eine Reihe von miteinander verbundenen und verwobenen Geschichten, die sich immer mehr ineinander verkeilen bis sie schließlich einen Punkt gegenseitiger Zerstörung erreichen. Sie spielen in einem Viertel der von Tel Aviv eingemeindeten Stadt Jaffa – in Ajami, erzählt aus den Perspektiven und von Menschen, die dort leben. Einer von Ihnen ist Omar. Er streunt mit seinem Kumpel Shata durch die Straßen, arbeitet im Restaurant des einflussreichen Abu Elias, ein arabischer Christ, und trifft sich heimlich mit dessen Tocher Hadir. Regelmäßig verabreden sie sich in Tel Aviv – für die heimlichen Liebenden neutraler Boden – denn Omar ist Moslem. Ihre Liebe hat keinen Ort, existiert nur im Verborgenen, eine gemeinsame Zukunft scheint unmöglich.
Doch der Zufall bricht mit Macht in das ein, was man vielleicht Omars Alltag hätte nennen können. Eine Schießerei zwischen Omars Onkel und einer der mächtigsten Beduinen-Familien verwandelt den stets latenten Konflikt in eine sehr konkrete Bedrohung. Ein Beduine hatte, mit einem Maschinengewehr bewaffnet, das Café des Onkels betreten und Schutzgeld verlangt. Mit atemberaubender Geschwindigkeit wird nun die gesamte Familie in eine Vendetta hineingezogen, die nur mit viel Geld gestoppt werden kann. Und schon bald steht auch Omar im Kreuzfeuer der nach furchtbarer Rache strebenden Beduinen. Wahllos zielen die Clan-Mitglieder auf alles, was mit Omars Familie zusammenhängt und sehr schnell wird den Verfolgten klar: wollen sie am Leben bleiben, müssen sie die Stadt verlassen.
Omar wendet sich an Abu Elias, einer der am besten vernetzten Geschäftsmänner des Viertels. Abu Elias gelingt es, den verfeindeten Beduinen einen Waffenstillstand abzuringen und eine Verhandlung vor einem islamischen Gericht zu arrangieren. Doch im Verlauf der vielstimmigen und chaotischen Verhandlung geraten Anfang und Ende der Ereignisse aus dem Blickfeld, verlieren sich im Nebel diplomatischer Rauchwolken. Die Verluste beider Familien werden monetär umgerechnet und der Richter bestimmt, dass Omars Familie für die Schäden zahlen muss, die der Onkel dem Beduinen im Feuergefecht zugefügt hat. Omar muss die Schuld auf sich nehmen und versuchen, innerhalb von zwanzig Tagen eine gewaltige Summe aufzutreiben, die die Möglichkeiten seiner Familie weit übersteigt. Mit legaler Arbeit, da ist sich Omar sicher, wird er den fälligen Betrag niemals verdienen können.
Während Ursache und Wirkung im Gerichtsverfahren ununterscheidbar ineinander fließen, während Täter und Opfer zu austauschbaren und miteinander zu verrechnenden Kategorien geworden sind, entwickeln sich für Omar die Konsequenzen zur sehr konkreten Frage von Leben und Tod. Bleibt er in Ajami, ohne das Geld zu zahlen, bringt er sich und seine Familie in Lebensgefahr. Flieht er, bedeutet das die Trennung von seiner großen Liebe Hadir. Omars Schuld und seine Schulden sind der Ausgangspunkt einer Geschichte, in der Kausalität und Struktur immer mehr zum Teil der Erzählung wer den, in der Bleiben oder Gehen über Leben und Tod entscheiden und Ursache und Urheber, Anfang und Ende in einer alles wegreißenden Dynamik untergehen.
Das große Ganze, das Panorama scheint hinter dem Einzelnen zu verschwinden und gibt sich als Entzug vom auktorialen Erzählen zu erkennen. In dieser von Trennungen und Grenzen heimgesuchten Stadt kann es keine Zentralperspektive geben. Kein allmächtiger Gott lenkt die Schicksale der Menschen. Zufall, Nicht-Wissen und Nicht-Anerkennen des Anderen und seiner Wirklichkeit sind die Mächte, die die Lebenswege zeichnen. Unterdessen schmuggelt sich der Palästinenser Malek über die Grenze nach Israel, um im Restaurant von Abu Elias zu arbeiten. Dort trifft er auf seinen Freund Omar. Auch Malek braucht dringend Geld, denn seine Mutter liegt schwer krank in einem israelischen Krankenhaus und wartet auf eine Knochenmarktransplantation. Wie er die nötige Summe zusammenbekommen soll, weiß er genauso wenig wie Omar.
Ihre Abende verbringen Omar, Malek und Shatabei ihrem gemeinsamen Freund Binj, ebenfalls ein Araber, der plant, Ajami zu verlassen und zu seiner jüdischen Freundin nach Tel Aviv zu ziehen. Bei einner nächtlichen Party in Binjs Wohnung ist Malek der letzte Gast. Binj zeigt ihm ein Päckchen Drogen, bevor er es vor Maleks Augen versteckt. Noch auf der Türschwelle hört Malek hebräisch sprechende Stimmen sich nähern und versteckt sich. Er beobachtet drei Männer, die gewaltsam in Binjs Wohnung eindringen.
Am nächsten Morgen wird Binj tot in seiner Wohnung gefunden und Malek ist sich sicher, dass die Männer vom Abend zuvor ihn auf dem Gewissen haben. Binj war ins Visier der israelischen Polizei geraten, nachdem sein Bruder mit dem Mord an einem Juden in Verbindung gebracht wurde und danach spurlos verschwand. Die Anschuldigungen der Polizei weiteten sich auf die gesamte Familie aus, Binj und sein Vater wurden im Polizeirevier festgehalten. Der Familie blieben nur Spekulationen über den Verbleib des Bruders, über die Gründe seines Verschwindens und seine Schuld am Tod des Juden. Doch bevor er spurlos verschwand, hinterließ der Bruder ein Paket Drogen, das nur auf Umwegen in Binjs Hände geriet. Unklar ist, wem es gehört und was seine Bestimmung war. Doch als letzte Spur seines verschwundenen Bruders nimmt Binj das Päckchen an sich, eine Spur der Schuld, die, wie auch die geerbte Schuld für Omar, für Binj zu einem hochgefährlichen Problem wird. Wenig später stehen die Beamten vor Binjs Tür und verlangen Einlass, wobei sie von Malek, wenige Meter entfernt versteckt stehend, beobachtet werden. Was hinter Binjs Tür wirklich passiert, wird Malek nie erfahren. Nachdem die Polizei abgezogen ist, brechen Malek und Omar in Binjs Wohnung ein – auf der Suche nach dem Päckchen Drogen. Da beide mehr als dringend Geld brauchen, beschließt Omar, die Drogen zu verkaufen.
Doch weder er noch Malek kennen sich im Drogenmarkt Tel Avivs aus. Abu Elias, der inzwischen von der heimlichen Liebschaft zwischen Omar und seiner Tochter und auch von dem Päckchen Drogen erfahren hat, lässt seine Verbindungen spielen, um mit einem Schlag die Drogen, aber auch Omar, den unliebsamen und nicht akzeptablen Bewerber um die Hand seiner Tochter, loszuwerden. Um die Gefahr einer Heirat jenseits der Religionsgemeinschaft zu bannen, ist Abu Elias sogar bereit, mit der verhassten jüdischen Polizei zu paktieren. Er schmiedet einen fatalen Plan, der Omar und Malek in tödliche Gefahr bringen wird.
Dando, ein jüdischer Polizist, spielt eine festgefügte Rolle im alltäglichen Kampf zwischen den Kulturen, der auf den Straßen Ajamis ausgetragen wird. In seiner Welt, angefeuert von isrealischen Medien, gelten Ajami und Jaffa als Brennpunkte des arabisch-sprechenden Elends, als rückständige Armutsviertel voll archaischer Machtstrukturen, in denen Gewalt und Drogen das Leben bestimmen. Das spurlose Verschwinden seines Bruders, eines israelischen Soldaten, auf den palästinensischen Gebieten veränderte Dandos Leben und das seiner Familie fundamental. Auch Dando ist zum Spekulieren und zum ungeduldigen Warten verdammt und wie Omar und Binj kann er Ursprung und Grund seines Leids nicht ausmachen. Die Suche nach dem Vermissten und das qualvolle Nachdenken über die Gründe seines Verschwindens bestimmen jede Sekunde. Als ein anonymer Hinweis eingeht, startet das israelische Militär eine groß angelegte Suchaktion auf den palästinensischen Gebieten. In einer Höhle stößt man auf den Leichnam eines Soldaten, der schließlich als Dandos Bruder identifiziert wird. Für Dando ist sofort klar, dass nur Araber als Täter in Frage kommen. Von Wut und Trauer geblendet, ist ihm fortan jedes Mittel recht, um die Täter zu stellen.