Drama
| Bosnien und Herzegowina / Deutschland / Kroatien / Österreich 2010
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| Langinhalt
Luna und Amar sind schon länger zusammen, aber immer noch frisch verliebt. Sie leben in Sarajevo in einer kleinen Wohnung. Mit Freunden unternehmen sie Wochenend-Aus$üge und arbeitenhartnäckig an der Erfüllung ihres Kinderwunsches. Sie gehören zu einer lebenslustigen und von der Vergangenheit scheinbar unbeschwerten Nachkriegsgeneration, die vor Zukunftslust und Aufbruchstimmung nur so strotzt. Als Stewardess und Fluglotse arbeiten sie an der globalen Vernetzung in Höchstgeschwindigkeit.
Das geeinte Europa und die globale Wirtschaft sind nur einen Steinwurf entfernt, Stabilität und Mobilität sind keine Widersprüche mehr. Wie so viele ihrer Generation nehmen Luna und Amar ihr Leben in die Hand und versuchen erfolgreich, ich vom nationalen Trauma der Kriegserfahrung zu befreien. Ihr ganzes Dasein kennt nur eine Richtung – ins Vorwärts der selbstde!nierten Visionen für eine gemeinsame Zukunft – jenseits sozialistischen Kollektivierungszwangs.
Dass man nicht nur an der Vergangenheit, sondern auch an der Zukunft arbeiten muss, wird für Luna und Amar zu einer ernüchternden Gewissheit. Um ein Kind bekommen zu können, so erfahren sie beim Arzt, muss Luna eine besondere Hormon Therapie über sich ergehen lassen. Jede Liebesgeschichte hat ihre eigene Zeitlichkeit – einen Anfang und eine Gegenwart, die sich aus der stetigen Versicherung gemeinsamer Vergangenheit und der Produktion einer gemeinsamen Zukunft speist. Eine Liebesbeziehung ist immer auch ein Verhältnis zur Zeit, eine eigene Dramaturgie – umso mehr, wenn sie in einer Gesellschaft entsteht, deren Verhältnis zur Vergangenheit zutiefst gebrochen ist. Dieses Vergangene ist in „Zwischen uns das Paradies“ eine Kriegserfahrung, die trotz aller Zukunftsgläubigkeit immer wieder ihr Recht behauptet. Regelmäßig besucht Luna ihre Großmutter, die täglich von den Erinnerungen heimgesucht wird. Sie zog Luna auf, nachdem ihre Eltern im Krieg getötet wurden. Und auch Amar, der im Krieg als Soldat eingesetzt wurde, besucht regelmäßig den Gefallenen-Friedhof und betet für seine Kameraden.
Ihre Liebe zueinander und die Rolle, die diese Liebe in ihrem Leben spielt, ist nur eine Form des Umgangs mit den Schichten der Vergangenheit, ein Verfahren der Identitätsfindung nach dem gesellschaftlichen Beben. Doch auch in den scheinbaren Erfolgsbiographien der neuen privatkapitalistischen Ordnung arbeitet ein kollektives Gedächtnis, das sich neu denken muss, wenn es einer Erschütterung ausgesetzt wird. Als Amar von seinem Job als Fluglotse gefeuert wird, weil er am Arbeitsplatz Alkohol getrunken hat, geht es für ihn um mehr als um einen Einnahmenschwund.
Es geht um den Verlust einer Stabilität und Sicherheit, um die Selbstvergewisserung an einem bestimmten Ort. Denn jeder Fluglotse genießt das Privileg, den eigenen Standort als ein Zentrum zu begreifen, das den umgebenden Verkehr zu regeln imstande ist. Bis auf weiteres muss sich Amar ins Heer der Arbeitslosen einreihen und verliert dabei – wie so viele – seinen Kurs. Bahrija, ein zufällig wieder aufgetauchter Kamerad, mit dem Amar während des Krieges gekämpft hat, verspricht schnelle Hilfe. Mittlerweile zu einer streng religiösen islamischen Wahabiten-Gemeinde konvertiert, emp!ehlt er auch Amar die Sicherheit der Religion. Als führendes Mitglied der Gemeinde kann er Amar einen Job in einem Wahabiten-Camp außerhalb der Stadt anbieten, den Amar dankbar annimmt. Für zwei Wochen Arbeit in der wahabitischen Enklave packt er seine Sachen und lässt sich auch von Lunas Bitten, sich einen anderen Job zu suchen, nicht ablenken.
Doch kaum hat Amar die Stadt verlassen, scheint er für Luna unerreichbar. Sein Telefon ist nicht aktiv, eine andere Kontaktmöglichkeit gibt es nicht. Luna bleibt nur das Warten. Eines Tages erhält sie einen mysteriösen Anruf, man bestellt sie zu einem Treffen.
Wie viele liberale Muslime ist auch Luna zutiefst skeptisch und neigt zu der allgemein verbreiteten Meinung, bei den Wahabiten handele es sich um eine islamistische Terrorgruppe. Dass Bahrija nicht nur von einer Frau begleitet wurde, die die Burka trug, sondern sich zudem auch geweigert hat, Luna die Hand zu geben, hat seine Sympathiewerte bei ihr entsprechend geschmälert. Widerwillig stimmt Luna dem Treffen zu und wird zum verabredeten Zeitpunkt von ebenjener Frau, die schon bei ihrer ersten Begegnung mit Bahrija die Burka trug, abgeholt.
Als sie das Zeltlager erreichen, ist von Amar nichts zu sehen. Erst am Abend hätte er Zeit für Luna, wird ihr gesagt. Als sie sich schließlich wieder sehen, ist er voller Begeisterung über das zurückgezogene, friedliche und familiäre Leben der Gemeinde. Sein Alkoholproblem habe sich in Luft aufgelöst, der Ort habe ihm Frieden und Ausgeglichenheit geschenkt. Doch Luna bleibt skeptisch und versucht, Amar zur Rückkehr zu überreden. Dem streng nach Geschlechtern getrennten Leben kann sie nur wenig Familienromantik abgewinnen.
Mit Tüchern und Schleiern muss das Leben der Frauen vor den Augen der Männer verborgen bleiben. Als Luna einmal über die von Tüchern markierte Grenze auf den See hinausschwimmt, wird sie scharf angegri%en. Das Verbot ist absolut und konstitutiv. Niemand in der Gemeinde zweifelt seine Bedeutung an, und Luna hat ihren Spielraum weit überschritten. Doch selbst als sie voller Zorn ihre Sachen packt und das Lager verlässt, ist von Amar weit und breit nichts zu sehen.
Als er einige Wochen später nach Sarajevo zurückkehrt, scheint er völlig verwandelt. Unter dem Ein$uss Bahrijas hat die Religion eine wichtige Stelle in seinem Leben eingenommen. Er ist sich sicher, dass der Glaube wieder Gemeinschaft und Struktur in sein Leben gebracht und es so zweifellos verbessert habe. Besuche in der Moschee, die Lektüre religiöser Schriften und das regelmäßige Gebet überlagern bald den gemeinsamen Alltag zwischen Luna und Amar. Und Amar drängt nun auch Luna zur gewissenhafteren Religionsausübung, gibt ihr Lese-Empfehlungen und rät ihr zu angemessenerer Kleidung.
An einem religiösen Festtag, den die Familie bei Lunas Großmutter gemeinsam begeht, brüskiert er Luna, als er der versammelten Familie die Liberalisierung ihrer Religion vorhält. Nur die Lockerung religiöser Traditionen und die mangelnde Konsequenz bei ihrer Ausübung habe die muslimische Bevölkerung zum Opfer eines Völkermordes machen können. Als er den rechtlichen Status ihrer Ehe in Zweifel und die nachträgliche Eheschließung vor einem muslimischen Gericht in Erwägung zieht, wird Luna allzu deutlich, dass die Veränderung in Amar keine vorübergehende ist. Amar will nicht mehr mit ihr schlafen, denn ohne die Erlaubnis eines muslimischen Gerichts sei das nicht legitim. Er geht schließlich sogar so weit, den anhaltenden Misserfolg ihrer auch medizintechnischen Bemühungen um Nachwuchs auf das Fehlen religiöser Legitimation zurückzuführen. Luna versucht, Amar zu folgen – liest seine Bücher und geht schließlich auch in die Moschee.
Doch als sie Zeugin wird, wie Bahrija eine Minderjährige zu seiner Zweitfrau nimmt, ist ihre Toleranzgrenze deutlich überschritten. Denn Amar hält diese Eheschließung für gerechtfertigt, auch wenn sich die Gemeinde damit über die staatliche Gesetzgebung hinwegsetzt. Luna ist schockiert von den Ausmaßen der Veränderung, die zwar schleichend, aber dennoch mit der ganzen Gewalt von Plötzlichkeit über sie hereinbricht. Luna wird klar, dass die Beziehung zu Amar nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihr ganzes Sein, ihre Vergangenheit und ihre Hofnungen für die Zukunft in Frage stellt.